Radlagerrausch

Bei der zweiten – etwas weiteren – Ausfahrt dieses Frühjahrjahr stellte sich mit zunehmender stärke ein sehr unschönes, rauschendes Laufgeräusch vorne rechts ein. Der Grund dafür könnte eines oder beide der einstellbaren Radlager sein.

Nach der ersten Prüfung – beherztes drehen am Rad – konnte man einen eher rauen Lauf erahnen. Kurzum: Das fühlte sich gar nicht so gut an.

Aber wie ist das eigentlich aufgebaut? Und was bedeutet einstellbar?

Die beiden Kegelrollenlager sitzen jeweils um 180° gedreht gegeneinander auf der Achse des Achsschenkels. Durch die Achsmutter (rechts im Bild) wird das Ganze zusammengehalten. So ein Kegelrollenlager kann gewaltige Kräfte Axial als auch Radial aufnehmen weswegen diese Bauart früher absolut gängig war.

Der Vorteil dieser Bauart besteht darin, dass zum einen wenige Bauteile benötigt werden. Es ist Wartung (wechsel der Fettpackung) und Einstellung möglich, was die Lebensdauer drastisch erhöht.

Der Nachteil dieser Bauart ist jedoch das sie regelmäßige Wartung und Pflege dringend benötigt. So muss das Radlagerspiel alle 10.000km geprüft und ggf. eingestellt werden und die Fettpackung der Lager alle 20.000km erneuert werden.

Deshalb haben sich wartungsfreie geschlossene Radlagerbauarten ( Gen. 1, 2,..) durchgesetzt. Bei diesen Systemen bildet das Lager eine komplette Einheit inkl. Lifetime Fettschmierung. Ist es defekt, wird einfach die komplette Einheit erneuert….


Nach Demontage der Radnabe (durch lösen der Achsmutter) nebst Bremsscheibe und Bremssattel dann der erste Blick in die Außenringe der Kegelrollenlager…

… die Laufflächen sehen eigentlich gar nicht so toll aus, auch der ganze tiefschwarze Abrieb sollte da so nicht sein.

Grob über die Laufflächen gewischt brachte dann schon Klarheit – so soll die Lauffläche eines Kegelrollenlagers definitiv nicht aussehen.

Es ist gut, die beiden Radlager zu erneuern.

Zuerst reinige ich den Achsschenkel und prüfe die Lagersitzflächen.

Diese sehen soweit in Ordnung aus. Ein typischer Schaden an den Sitzflächen passiert, wenn sich der Lagersitzring darauf gedreht hat. Dann reibt kurzzeitig der sehr harte Ring auf der weicheren Oberfläche des Achse – was sich unter Umständen sofort fest frisst. Wäre das passiert, müsste der Achsschenkel ebenfalls erneuert werden, da die Sitzflächen ein Passmaß haben müssen.

Da sich die Lager zum Lagerspiel einstellen auf der Achse bewegen können müssen, lässt sich bei einem gefressen Lagersitz kein Radlagerspiel mehr einstellen

Daher ist es ist wichtig, dass sich die Lagerringe nahezu spielfrei „saugend“ auf den Lagersitzen bewegen lassen – hier das hintere Lager:

Den vordere Lagersitz prüfe ich durch hin- und herschieben in gleicher Weise.

Nun geht es an der Radnabe weiter. Hier müssen die Außenschalen der alten Lager ausgetrieben werden. Das geht entweder mit einem passenden Dorn (habe ich nicht) oder Stück für Stück mit einem Durchschlag. Die Lagerschale des großen Lagers lies sich zügig mit einem Durchschlag austreiben, die Lagerschale des kleinen Lagers rührte sich dafür überhaupt nicht.

Erst nachdem ich die Lagerschale mit dem Multitool und Trennscheibe etwas eingeschlitzt hatte lies die Lagerschale per Durchschlag austreiben.

Nachdem die Nabe dann gründlich vom alten Fett und Schleifstaub gereinigt war, konnten die Lagerringe der neuen Lager auch schon eingepresst werden.

Dies geht am besten mit einem Universal-Presswerkzeug wie oben im Bild oder mit passenden Hülsen auf der Hydraulikpresse. Nicht zu empfehlen ist es die neuen Schalen per Durchschlag einzutreiben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie verkanten und durch das einschlagen Schaden nehmen.

Nachdem die Schalen ihren Platz gefunden haben werden als nächstes die neuen Lager mit Fett „befüllt“

Dazu trage ich Fett auf, und „massiere“ es durch leichtes drehen und drücken ins innere des Lagerkäfigs, also in die freien Bereiche zwischen den Rollen. Sobald kein Fett mehr auf der Hand ist wird nachgelegt.

Das ganze mache ich solange bis alle Bereiche zwischen den Rollen mit Fett gefüllt sind. So vorbereitet sind beide Lager fertig für den Verbau. Alles Fett was nun zu viel ist wird sich später bei den ersten Umdrehungen ins innere der Radnabe verteilen. Das stört jedoch nicht. Ein „zu wenig“ an Fett wäre da schon bedeutend schlimmer.

Das hintere große Lager wird einfach in die Lagerschale gelegt, darüber kommt ein Abstandsring sowie der neue Wellendichtring.

Bevor ich die Radnabe wieder auf den Achsschenkel schiebe prüfe ich noch ob das Gewinde der Achsmutter leichtgängig dreht. Ein leichtgängiges Gewinde ist später zum einstellen des Lagerspiels wichtig.

Da die Mutter später durch einschlagen des Sicherungsbundes auf der Achse gehalten wird, ist das Gewinde im Bereich der Einschlagnut manchmal beschädigt. Mit einer Gewindefeile lässt sich das jedoch leicht beheben.

Nun kommt die Radnabe wieder auf die Achse. Danach kann das vordere Lager von vorne eingeschoben werden.

Bevor die Mutter aufgeschraubt wird, darf keinesfalls die Anschlaufscheibe mit der Verdrehsicherung vergessen werden. Die Scheibe ist die Verbindung der Mutter zu den Lagern und drückt beim anziehen das vordere Lager zusammen mit der Nabe auf das hintere Lager. Die Verdrehsicherung verhindert, dass auftretende Drehkräfte der sich im Betrieb drehenden Radnabe auf die Mutter übertragen werden und diese ggf. verstellen würden.

Nun schraube ich eine neue Mutter auf…

…und nicht die alte!

Keine Ahnung welcher Teufel die Leute geritten hatte es dem Teil so hart „zu besorgen“… macht eigentlich bei einem Teil das kaum 4 Eur kostet keinen Sinn, aber so sah die alte Achsmutter aus die am Shiguli verbaut war.

Nun geht es aber an einstellen des Radlagerspiels.

Radlagerspiel ist bei der Bauart mit zwei gegenüberliegenden Kegelrollenlager extrem wichtig. Der Vorteil, dass diese Lager sehr hohe Axial- und Radialkräfte aufnehmen können, ist beim Einstellen leider nachteilig.

Würde man die Achsmutter komplett festziehen, würde sich das Rad trotzdem noch nahezu ohne merklichen Widerstand drehen lassen da die Lager die gewaltigen Presskräfte (kurzzeitig) aufnehmen können. Würde man so fahren, käme man vielleicht einige Kilometer bis sich dann die Lager, Nabe sowie der Achsschenkel wegen der entstehenden Reibungshitze zu einem Haufen Schrott verwandelt haben. Deswegen ist es wichtig, dass diese Lager IMMER ein fühlbares Radlagerspiel beim „Kippeln“ am montierten Rad aufweisen müssen (was ab- und an bei der TÜV-Prüfung zu Nachfragen führt).

Die Einstellung ist dabei relativ leicht erledigt:

  • Rad zur Einstellung montieren.
  • Die Mutter einmal mäßig festziehen.
  • Rad einige male in beide Richtungen durchdrehen (das ist wichtig, da sich unter Druck die Schrägrollen auf deren Laufflächen ausrichten)
  • Danach wird die Mutter wieder gelöst (nun keinesfalls am Rad drehen da sonst die Ausrichtung der Schrägrollen wieder verloren gehen würde)
  • Nun wird die Mutter gerade so fest geschraubt, dass sich die Anlaufscheiben mit einem Schraubendreher eingesteckt in eine der beiden Aussparungen der Scheibe mäßig leicht hin- und herbewegen lässt. Der Anzug dafür ist etwas mehr als „Handfest“

Wenn das alles passt, schlage ich den Sicherungsbund der Mutter mit einem Meißel in die Nut der Achse – die Mutter sitzt nun fest. Die Achsmutter kann deshalb auch nur einmal verwendet werden und ist bei der nächsten Korrektur zu erneuern – außer es wären links wie rechts das selbe Gewinde, dann könnte man die Muttern einmal durch tauschen. Da am Shiguli jedoch am rechten Achsschenkel ein Linksgewinde und am linken Achsschenkel ein Rechtsgewinde ist, geht das leider nicht.

Nun sollte sich am Felgenhorn (da wo der Reifen anfängt) ein Spiel von ca. 0,2 – 0,3mm eingestellt haben. Dies entspricht in etwa dem Einstellwert aus den Vorgaben von 0,05 – 0,08mm Spiel gemessen an der höchsten Stelle der Radnabe. Wobei ich nicht zwangsläufig auf den exakten Einstellwerten herumreiten würde. Ein Radlager mit zu viel Spiel ist wesentlich haltbarer als ein Lager mit zu wenig Spiel.



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